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Unsere Wege im Holpertest

Wenn Helge Hahn unterwegs ist, findet sein Ausflug auch schon mal ein jähes Ende: vor einer hohen Bordsteinkante zum Beispiel. Oder wenn der Weg plötzlich steil ansteigt. Denn Helge Hahn ist auf den Rollstuhl angewiesen – und er kann solche Hindernisse nicht immer aus eigener Kraft und ohne Hilfe bewältigen. Eine Wanderung aus Sicht eines Rollstuhlfahrers.

Was den meisten Wanderern und Ausflüglern nicht einmal auffallen würde, kann für mobilitätseingeschränkte Menschen wie Helge Hahn zum echten Problem werden: Stufen, lose Steine oder Wurzeln auf dem Weg. Er dagegen weiß genau, wie frustrierend es sein kann, wenn der geplante Ausflug buchstäblich vor der Bordsteinkante endet.

Um anderen Urlaubern und Ausflüglern diese Enttäuschung zu ersparen, überprüft Helge Hahn ausgesuchte Wanderwege auf ihre Barrierefreiheit. Helge Hahn arbeitet für die NatKo (Tourismus für Alle Deutschland e.V.). Die NatKo ist deutschlandweit der zentrale Ansprechpartner bei allen Fragen rund um barrierefreies Reisen. In dieser Funktion hat Helge Hahn einen der Rundwege getestet, die wir Ihnen auf den nächsten Seiten vorstellen. Gemeinsam mit einer nicht mobilitätseingeschränkten Begleiterin hat Helge Hahn die Wanderwege auf ihre Steigungen und Gefälle geprüft, außerdem auf Beschilderungen, Maße, Sitzmöglichkeiten, Straßenbeläge und so weiter. Im Gepäck hatten sie Wasserwaage, Zentimetermaß, Block und Stift, um alles auszumessen und zu dokumentieren.

Der Rundweg, den die beiden getestet haben, ist gut siebeneinhalb Kilometer lang. Er führt vom Hafen an der Xantener Südsee durch die Xantener Altstadt, vorbei am Bahnhof, im großen Bogen um das Gelände des Archäologischen Parks herum und an der Südsee entlang wieder zurück zum Ausgangspunkt. „Der Weg ist sehr barrierefrei und für Menschen mit Behinderung wirklich gut zu schaffen“, resümiert Helge Hahn. „Es gibt zwar ein paar Stellen, auf die man hinweisen sollte. Aber gerade für Gehbehinderte funktioniert der Wanderweg gut.“ Die Strecke ist fast durchweg asphaltiert, nur auf einem kurzen Stück gibt es Kopfsteinpflaster. „Der Bodenbelag spielt eine ganz wichtige Rolle bei der Barrierefreiheit“, erklärt Helge Hahn.

„In manchen Städten habe ich als Rollstuhlfahrer von den schönen Häusern rein gar nichts, weil ich meist nur damit beschäftigt bin, irgendwie über das Kopfsteinpflaster zu holpern“, sagt er. „Das ist in Xanten allerdings sehr gut gelöst: Die Altstadt hat zwar auch viel Kopfsteinpflaster, aber dazwischen ist auch immer ein Streifen Asphalt, auf dem ich problemlos fahren kann.“

Der überprüfte Rundweg in Xanten sei also sehr barrierefrei und durchaus zu empfehlen. „Es ist eine interessante Mischung: Die Strecke am See ist sehr schön, auch die Schleife durch die Stadt. Man hat unterwegs viele unterschiedliche Blickrichtungen: auf die historische Stadt, auf die Felder, aufs Museum.“

Schade ist es aber, wenn einem diese schönen Wege durch Hindernisse verbaut werden. So sind Wege aus Sand, Kies oder Gras, aber auch aus Rasengittersteinen mobilitätseingeschränkten Menschen ein Graus. „Auch im Wald habe ich mit dem Rollstuhl keine Chance“, sagt er. Und auch Steigungen können zum Problem werden. „Man sagt, Steigungen von maximal sechs Prozent sind für Rollstuhlfahrer machbar“, erklärt Helge Hahn.

Allerdings sind Steigungen durchaus subjektiv: Der agile 51-Jährige wird damit vermutlich weniger Probleme haben als ältere Menschen mit Rollatoren.

Stolpersteine und Hindernisse lauern aber noch an vielen anderen Stellen: Wenn die Wege eine gewisse Querneigung haben zum Beispiel, damit das Wasser an den Seiten schneller abfließen kann. Oder aber, was oft am Rhein oder an anderen Flüssen vorkommt: hohe Steigungen auf Wälle, über die man zu einer Brücke kommt. „Was ich auch schon oft erlebt habe: Man hat einen Weg von fünf Kilometern Strecke vor sich, aber keine einzige Bank, auf der sich ältere Menschen mal ausruhen können. Oder es gibt zwar Bänke – die liegen dann aber auf einem Plateau oder weit abseits des befestigten Wegs.“

Eine hundertprozentige Barrierefreiheit könne es unterwegs auch gar nicht geben, so der Experte: „Es allen Zielgruppen recht zu machen, ist fast unmöglich. Nehmen wir zum Beispiel die Bordsteinkante: Für Blinde ist so eine Stufe zur Orientierung wunderbar. Für mich als Rollstuhlfahrer überhaupt nicht.“

Um es aber so vielen Menschen wie möglich recht zu machen, gibt es bestimmte Anforderungen, die barrierefreie Wege zu erfüllen haben: die Wege sollten mindestens 1,80 Meter breit sein – damit sich dort auch zwei Rollstühle mit einer Normbreite von 80 Zentimetern begegnen können. Türen sollten 90 Zentimeter breit sein, Umlaufschranken nicht zu dicht beieinander stehen. Und Handläufe sollen 30 Zentimeter über die erste und letzte Stufe hinausgehen, um eine zusätzliche Sicherheit zu geben.

Wenn Helge Hahn einen Ausflug plant, muss er akribischer und genauer vorgehen als viele seiner Mitmenschen. „Ich kann beispielsweise nicht sagen: Komm, wir fahren heute mal nach Amsterdam. So spontan geht das nicht. Ich muss mich vorher informieren, was für mich erreichbar ist und wie es die Stadt mit der Barrierefreiheit hält. Denn was nützt mir die schönste Stadt, wenn es dort keine Toilette für mich gibt?“ Da hilft vor der Anreise nur eine Recherche im Internet oder ein Anruf bei der Touristinformation. „Menschen mit Behinderung sind auf solche Informationen angewiesen“, bekräftigt Helge Hahn. „Denn ohne Infos wissen wir nicht, was uns vor Ort erwartet.“

Die Altstadt von Xanten, die Helge Hahn auf seiner Überprüfung durchfahren hat, macht auf ihn einen sehr guten Eindruck. „Xanten ist ein Wallfahrtsort und hat sich entsprechend gut auf die vielen Menschen eingestellt, die hierher kommen“, sagt er. „Hier gibt es sogar eine Behindertentoilette auf dem Marktplatz – eine große Ausnahme“, weiß er aus eigener Erfahrung. „Natürlich könnte man immer noch mehr machen. Aber allein schon solche Angebote wie die Bimmelbahn, die durch die Altstadt fährt, sind eine tolle Sache für Menschen mit Gehbehinderung.“